Das Wort

O Gott, liebe Gemeinde, was soll das werden? Die Weihnachtsgebäckindustrie  ist längst auf Hochtouren gelaufen und irgendwie hat man sich inzwischen da ran gewöhnt, dass Christstollen, Spekulatius und Dominosteine schon wieder  seit September in den Lebensmittelgeschäften ausliegen. Ich erinnere mich an den Besuch bei togoischen Bekannten, die in Lyon im Exil  lebten. Es ist Jahrzehnte her, ich war damals Vikar. Nachts (nach einem sehr  langen und weinseligen Abend bei Freunden) hielten sie neben mir und suchten  ein bestimmtes Wohnheim, wo sie einen Cousin besuchen wollten. Dort angekommen, stellten wir fest, dass er gar nicht da war, sondern zu einem auswärti gen Seminar. Was also tun mitten in der Nacht? Kurz entschlossen nahm ich sie  mit in meine erste, kleine eigene Wohnung. Mein „Nachtlager vor Granada“  wurde für sie zur Herberge, bis der Cousin wieder zurück war. – – Leichtsinn?  Naivität? Heute wäre ich ängstlicher – damals aber galt für mich nur: „Fürchte  Dich nicht!“ 

Im August machte ich einen Gegenbesuch bei ihnen in Frankreich. Voller Stolz  deckten sie die Kaffeetafel für mich und offerierten mir „patisserie allemande  typique“. Extra für mich in Paris besorgt, wo es dies während des ganzen Jahrs  als typisch deutsches Gebäck zu kaufen gab. Welche Ehre für mich! Und eine  große Freude für meine neuen Freunde, mich derart zu bewirten. Bei 29 Grad im  Schatten genoss ich Anissterne, Lebkuchen und Dominosteine. Mitten im Sommer. 

In diesem Jahr, noch vor November: Alarm! Wer jetzt nicht seine Weihnachtsgeschenke kauft, könnte in den adventlichen Tagen vor Weihnachten als Konsument:in in die Röhre gucken. Corona und globale Lieferengpässe sollen dazu führen, dass man den Liebsten nicht auf den Gabentisch stapeln könne, was diese so sehr ersehnen! Da gibt es  wohlmöglich Tränen bei der Gattin wegen der gewünschten Südseeperlenkette,  statt der es schon wieder ein Parfum oder Dessous gibt. Da soll dann auch die  neueste Playstation nicht zu bekommen sein. Man hört schon das Zornesgeschrei  aus den Kinderzimmern. Und Papa bleibt auch gleich auf dem Sofa liegen, denn  das neue E-Mountainbike ist irgendwo zwischen China und Europa stecken geblieben.

Dass wir von weißer Weihnacht dank Klimakatastrophe nicht einmal mehr träu men können, kann man ja vielleicht noch ertragen. Aber Geschenkefrust beim  bis zur Pseudoreligiösität aufgepimpten Fest der Familie…? 

Dieses Weihnachten bin ich nach 34 Jahren Dienst im Krankenhaus Lübbecke  als pastor emeritus im Ruhestand. 33 mal durfte ich an den Heiligabenden nach unserer Christvesper Patienten und Mitarbeitenden auf den Stationen ein kleines, symbolisches Geschenk machen. Einmal hatte ich eine Weihnachtskarte gefunden, auf der Josef der Wöchnerin eine Suppe kocht. Also packte ich 300 kleine Brühwürfelchen als Weihnachtpäckchen unter dem Motto „Liebe geht durch den Magen“. Ein anderes Mal predigte ich (selbst über 100 Prozent davon überzeugt), dass die Engel über Lübbecke nach Bethlehem geflogen seien. Zum Beweis bekam jeder und jede ein Federchen geschenkt, das mit Goldstaub bestäubt war. Da war ein Glitzern im ganzen Haus…  Nicht ganz gelungen war mal die Bestellung von sehr modern gestalteten Krip pen mit Kind. Insgesamt daumenkuppegroß – aus dunklem Ton. Meine Kollegin  meinte beim ersten Anblick: „Was soll denn der Tisch mit dem Brot drauf?“  Aber da hatte ich mein Thema für den Gottesdienst an Heiligabend: Das Kind in  der Krippe ist das Brot des Lebens. Mit ihm legt Gott seine Liebe auf die Gaben tische unserer Existenz. Das Geschenk damals war wirklich nicht das schönste,  seine Botschaft aber sehr wohl! 

Nach vielen, vielen Heiligen Nächten im Krankenhaus wird es mir vielleicht  trotz Corona vergönnt sein, in diesem Jahr die Christvesper in der Petrikirche  mit zu feiern und später eventuell sogar noch einen Mitternachtsgottesdienst mit  Gesang ohne Maske. So oder so – ich werde bestimmt eine Träne verdrücken  vor Freude. 

Glücklich, wer auch an diesem Weihnachten das große Geschenk Gottes wahr  nimmt! 

Paul Alexander Lipinski, p.e.