"Unser Vater"

In unserer Evangelischen Landeskirche von Westfalen sind Gemeinden lutherischen, reformierten und unierten Bekenntnisstandes miteinander verbunden. Hier in Ostwestfalen sind vor allem Ev.-lutherische Gemeinden vorhanden. Reformierte Gemeinden gibt es in Westfalen als Mehrheit in den Kirchenkreisen Siegen, Wittgenstein und Tecklenburg. Hier in Ostwestfalen gibt es nur vier reformierte Gemeinden (Bielefeld, Herford, Minden, Vlotho). Weltweit gibt es etwa gleich viele Lutheraner und Reformierte (je etwa 75 Mill.).

Wie oft wurde ich bereits gefragt: Was bedeutet denn nun eigentlich "Reformiert"? Zuerst einmal: es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, aber es gibt doch einige reformierte Besonderheiten. Die uns bekanntesten - weil im Gottesdienst bzw. Kirche gebräuchlich - sind:

• Die Schlichtheit der Kirche (keine Bilder; Abendmahlstisch statt Altar)
• Die Schlichtheit des Gottesdienstablaufes ohne Wechselgesänge
• Die Lesung (oder der Gesang) der Psalmen während des Gottesdienstes
• Der Wortlaut im Glaubensbekenntnis: Heilige allgemeine christliche Kirche
• Die Lesung aus dem Heidelberger Katechismus
• Verständnis und Form des Abendmahls

Eine weitere reformierte Besonderheit ist die Anrede im Gebet des Herrn: "Unser Vater im Himmel". Älteren Gemeindemitgliedern aus Minden und Umgebung und Reformierten, die aus anderen Gegenden zugezogen sind, ist diese Form vertraut, aber in der letzten Zeit ist Ihnen diese Anrede vielleicht schon wieder des Öfteren bei uns im Gottesdienst begegnet. In der Grafschaft Bentheim und Ostfriesland z. B. ist der Beginn dieses Gebetes auch in der Schweiz wie in vielen anderen typisch reformierten Gegenden, etwa auch in den Gemeinden in Bückeburg und Vlotho und in unserer Magdeburger Partnergemeinde bis heute üblich. In den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde im deutschsprachigen Raum im Rahmen der Ökumene eine sprachliche Einigung für das "Vater unser" getroffen. Während vorher die Reformierten "Unser Vater" und "erlöse uns von dem Bösen" sprachen, benutzten die Lutheraner "Vater unser" (aus dem lateinischen "Pater Noster") und "erlöse uns von dem Übel". Die Katholiken sprachen hingegen den sog. Lobpreis ("denn dein ist das Reich...") nicht mit.

Aus diesen drei unterschiedlichen Fassungen einigte man sich schließlich auf die heute auch in der westfälischen Kirche gesprochene Form. Jedoch blieb bis heute die alternative Möglichkeit "Unser Vater" (s. a. Heidelberger Kat. Frage 119 und Ev. Gesangbuch Nr. 861). Wer lieber diese direkte Anrede, also "Unser Vater" gebrauchen möchte, ist eingeladen dies zu tun.


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