Reformiert?

Evangelisch-Reformiert - was ist das?

Die Entstehung der reformierten Kirche geht auf die Reformation in Zürich zurück. Zeitgleich mit Martin Luther wirkte dort Ulrich Zwingli. Später wurde dann Johannes Calvin in Genf zum prägendsten Theologen der Schweizer Reformation. Die Schweiz und die Niederlande sind überwiegend reformiert geprägt. In Deutschland gibt es überwiegend reformiert geprägte Gebiete in Ostfriesland, der Grafschaft Bentheim, im Siegerland, am Niederrhein, in Lippe, auch in Hessen und auch in Baden-Württemberg. Reformierte Kirchen sind in der Regel eher nüchtern und sachlich eingerichtet. Es gibt keine Kruzifixe, weil das 2. Gebot (Bilderverbot) dahingehend ernst genommen wird. In einigen Kirchen ist die Kanzel vorne in der Mitte angebracht, um die Wichtigkeit der Verkündigung zu unterstreichen. Ein Abendmahltisch ersetzt den Altar. Damit soll der Eindruck vermieden werden, wir Menschen könnten Gott durch ein Opfer beeindrucken.

Die Liturgie reformierter Gottesdienste räumt der Predigt große Bedeutung ein. Ebenso wichtig sind aber die Gebete, der Gemeindegesang und gemeinsam gesprochene Texte. Besonders gepflegt wird der Gesang und das Sprechen von Psalmen.

In den Fragen der Theologie trennen die Konfessionen heute keine tiefen Gräben mehr. Auch wenn die Reformierten ihre eigenen Bekenntnisschriften (wie den Heidelberger Katechismus) haben, und diese auch aktuell geltend machen, können evangelische Theologinnen und Theologen heute gemeinsam daran mitarbeiten, den Glauben in unserer Zeit verständlich zu machen.

Die Gemeinden werden durch Presbyterien (Kirchenräte) geleitet. Sie ordnen ihre Angelegenheiten weitgehend selbstständig. Je nach Landeskirche wählen die Presbyterien in Verantwortung vor der Gemeinde oder die Gemeindemitglieder selbst ihre Pfarrerinnen und Pfarrer in eigener Verantwortung. Nur was in der Gemeinde nicht entschieden werden kann, sollten Synoden in der Region oder der Gesamtsynode vorgelegt werden.


Johannes Calvin


Ulrich Zwingli


Besonderheiten des ev.-ref. Bekenntnisses

Bevor Besonderheiten aufgezählt werden, ist natürlich zu betonen, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Evangelischen als Unterschiede gibt. Insgesamt ist von den Reformierten von Anfang an eine striktere Trennung von altkirchlichen Traditionen vollzogen worden. Genannt seien hier:

1. Das Kirchenverständnis: Für Reformierte beginnt Kirche grundsätzlich bei der Gemeinde, ihren Gliedern und deren unterschiedlichen Gaben. Für sie gilt: Kein Gemeindeglied über den anderen, keine Gemeinde über den anderen, kein Amt über anderen. Auch die Pastoren stehen den Gemeinden nicht als 'Amtsträger' mit besonderen Weihen gegenüber, sondern üben einen Dienst aus, zu dem die Gemeinde sie berufen hat.

2. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht - bei sehr einfacher Liturgie - die Predigt als Verkündigung des Gotteswortes. Ihr erster Hörer ist der Prediger selbst.

3. Reformierte Kirchen erkennen wie Katholiken und Lutheraner die altkirchlichen Bekenntnisse an. Aber jedes Bekenntnis steht unter dem Vorbehalt besserer, aus der Bibel gewonnener Erkenntnisse. Bekenntnisse haben für Reformierte darum keinen absoluten und ewigen Geltungscharakter. So gehört neben dem "reformierten" Heidelberger Katechismus von 1563 auch die Barmer Theologische Erklärung von 1934 als Bekenntnis dazu.

4. Reformierte Christen verstehen die Sakramente Taufe und Abendmahl als "Wahrzeichen und Siegel". Sie glauben nicht, dass sich unter den segnenden Worten eines Priesters Brot und Wein im Abendmahl zu einer besonderen Speise und das Taufwasser zu einem geweihten Wasser verwandeln. Die Zeichen bleiben, was sie sind. Worauf sie verweisen, ist wichtig.

5. Reformierte Christen sehen sich verantwortlich für die Welt, in der sie leben. Das gilt auch für den politischen wie für alle anderen Bereiche. Sie sind überzeugt, dass Gott nicht der Kirche die geistliche Macht und den weltlichen Obrigkeiten eben alle weltliche Macht anvertraut hat - und jeder den anderen bei seiner Machtausübung in Ruhe lassen sollte. Weil Kirche nicht eine weltabgehobene Institution ist, sondern aus normalen, in dieser Welt lebenden Menschen besteht, haben diese Menschen das Recht und die Pflicht, sich als Christen in alles einzumischen, was sie und andere betrifft, allein und / oder gemeinsam.

6. Reformierte Kirchen haben darum im allgemeinen auch keine Bischöfe. Dass eine Kirchengemeinde vom Presbyterium (Kirchenvorstand oder Kirchenrat) geleitet wird, haben die Reformierten aus der Bibel abgeleitet. Dieses reformierte Erbe wurde durch die Union auch für die lutherischen Gemeinden übernommen.

7. Reformierte Kirchen sind in der Regel bilderlos und haben kein Kreuz. Denn das 2. Gebot wird dahingehend ernst genommen (2. Mose 20). Kein menschengemachtes Bild kann Gott zutreffend und gültig beschreiben. Diese Ansicht wird auch mit Juden und Muslimen geteilt.


Dauerauftrag "Reformiert"

In der Reformationszeit sprach man von der "nach Gottes Wort reformierten Kirche". Mit "Reformiert" meinten die Kirchen der Reformation nicht zuallererst eine Selbstbezeichnung ("Wir sind die Erneuerten"!), sondern eine bleibende Aufgabe, den "Dauerauftrag": Die Kirche, die erneuert ist, muss sich immer wieder erneuern lassen. (Ecclesia reformata semper reformanda) In Westfalen sind die Kirchenkreise Wittgenstein, Siegen und Tecklenburg reformiert geprägt. Lippe, die Grafschaft Bentheim, Ostfriesland, der Niederrhein sind überwiegend reformiert. Die Schweiz, die Niederlande, Ungarn, Schottland, die USA, Kanada, Südafrika u. a. haben einen hohen reformierten Bevölkerungsanteil.


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