Die Reformierten und der Kapitalismus

Glaube macht reich. An Freude. An Trost. An Hoffnung. Bekannt ist das Bild vom Schatz im Himmel oder vom Schatz im Acker. Darf Glaube auch materiell reich machen? Oder
wäre das unanständig?
Der Soziologe Max Weber meinte einst, dass es besonders die Reformierten verstanden hätten, auf Erden reich zu werden. Aus Verunsicherung hätten die Reformierten, die Weber für ihre Tüchtigkeit bewunderte, dem Kapitalismus ein gutes Gewissen gegeben. Wie das? Nun, Weber war aufgefallen, dass etliche Länder mit reformiertem Einfluss wirtschaftlich erfolgreicher waren als andere. Und er schlussfolgerte, dass die Erwählungslehre Johannes Calvins der innere Motor dieser Entwicklung war. Nicht "Seelenruhe” durch die Sakramente wie in der Lehre anderer Kirchen, sondern innere Unruhe wegen der Frage, ob man denn zu den Erwählten gehöre oder nicht. Man sah dann auch wirtschaftlichen Erfolg als sichtbares Zeichen, als Hinweis auf das Erwähltsein an. Und war es für die sparsamen Calvinisten zudem nicht geraten, einen eventuellen Überschuss nicht zu verprassen, sondern sinnvoll in den Geldkreislauf einzuspeisen?
(Es ist gewiss kein Zufall, dass etwa die Schotten und die Lipper, auch die Schweizer als besonders sparsam, andere sagen geizig galten, denn sie sind weitgehend reformiert.)
Der Kapitalist mit gutem Gewissen war geboren, bescheiden und erfolgreich, fromm, reich, aber dabei auch sehr hilfsbereit. Es gibt gewiss ein Körnlein Wahrheit an dieser These, wenngleich dieses Körnlein schon längst von Beispielen auch armer reformierter Länder weggepickt würde.
Dennoch steht die These in vielen Lexika. Warum ist es so? Weil im Grunde jeder Mensch so denkt, wie Weber es allein den Reformierten unterstellt: das Erfolg und Glück freundliche Zeichen Gottes sind. Ist diese Vorstellung nicht falsch, das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen, aber wie gut gefüllt dürfen die vorletzten Hemden sein?
Paulus denkt in eine verantwortliche Richtung: „Ich kann reich sein, ich kann arm sein. Ich vermag alles durch den, der mich stark macht: Christus.”

Der Inhalt beruht weitgehend auf einem Artikel in der Zeitschrift „reformiert” von Pastor Klaus Bröhenhorst der Reformierten Gemeinde Hildesheim.

Bernhard Speller


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