Das Wort

"Was liest Du da?"
"Große Erwartungen (von Charles Dickens)!"
"Und, wie ist es?"
"Ich habe mir mehr davon erhofft!"
(Dialog aus: "Hot Shots. Der zweite Versuch", Komödie, USA 1993)


Liebe Gemeinde,

in der Adventszeit, vor Heiligabend, vor der Weihnacht, vor dem neuen Jahr, da kommen bei mir immer wieder große Erwartungen auf:
An den weihnachtlichen Gottesdienst, die Bescherung und das Essen mit der Familie.
An das neue Jahr: Endlich weniger Unruhe in der Welt, mehr politische Stabilität und Besonnenheit erhoffe ich – aber erwarte ich diese wirklich angesichts unserer Erfahrungen aus dem letzten Jahr?
Erwartungen waren sicherlich auch da, als ich Ende 2015 an die Petrigemeinde kam. Ich weiß nicht, inwiefern ich diese Erwartungen erfüllen konnte, aber ich weiß, dass ich manche in meinen zwei Jahren hier in der Gemeinde nicht erreicht habe; sie nicht besuchen konnte, nicht bei ihnen sein konnte, als sie jemanden zum Reden oder Dabeisein brauchten. Auch ich hatte große Erwartungen, wie es hier mit Ihnen sein würde. Und ich machte Erfahrungen: Das gemeinsame Feiern der Gottesdienste, meine anfängliche Nervosität; das kräftige Singen und sogar Tanzen auf dem Kirchhof bei Gemeindefesten; die Gespräche bei Ihnen daheim, im Krankenhaus, auf der Straße in der Innenstadt oder in der Frauenhilfe; die Umgestaltung des Jugendraumes, das Verstecken- und Fangenspielen mit den Jugendlichen auf dem Kirchhof und im Gemeindehaus.
So vieles mehr an Erfahrungen könnte hier genannt werden – so vieles, was meine Erwartungen überstiegen hat. Sicherlich aber auch einiges, bei denen ich eigene Grenzen erfuhr und meine Erwartungen an mich selbst zu hochgeschraubt hatte.

Große Erwartungen haben wir wohl alle, aber wenn es dann so weit ist, haben wir uns, wie im Zitat aus der Komödie „Hot Shots 2“, oftmals mehr davon erhofft. So platt (und doch unterhaltsam!) der Film auch ist, das Zitat birgt einen wahren Kern: „Erwarten“ und „Erhoffen“ sind nicht ein und dasselbe: Das Erwarten ist zwar auf die Zukunft ausgerichtet, aber oftmals an die bereits erfahrene Vergangenheit gebunden: Wir erwarten, dass etwas so bleibt, wie es jedes Jahr war; wir erwarten, dass etwas wieder so wird wie früher.
Das Erhoffen geht aber über das Erwarten des bereits Erlebten hinaus: so erhoffe ich mir viel von meinem angestrebten Sondervikariat in den USA ab April 2018, ohne genau zu wissen, ob ich überhaupt ein Visum bekomme oder was mich dort erwartet. Ohnehin steckt das Erhoffen oftmals heimlich hinter dem Erwarten: Wir erwarten wenig Gutes, erahnen das Schlimmste, erhoffen aber immer das Beste, eine positive Überraschung – auch wenn wir uns vielleicht manchmal gar nicht vorstellen können, wie diese aussehen könnte.
Und manchmal steckt auch hinter einer enttäuschten Erwartung eine Überraschung. Eine solche unerwartete Überraschung ist die Geburt Jesu, des schwachen Kindes in der Krippe: Gott hat uns so seine Zuwendung erfahren lassen, die mehr ist, als wir erwarteten – und doch das, was wir uns als Christen erhoffen: Nicht etwa ein besonders mächtiger Mensch wurde da geschickt, sondern Gott selbst kam in die Welt: als schwaches Kind. Weihnachten erinnert uns daran, dass Erwartungen enttäuscht werden, auch von Gott. Aber zugleich erinnert es uns daran, dass wir immer wieder erhoffen können, von Gott überrascht zu werden und neue Erfahrungen zu machen, die über alles Erwartete hinausgehen! Das wünsche ich Ihnen allen und ihren Familien – für diese Adventszeit, das Weihnachtsfest – und das neue Jahr!

Ihr Vikar Marc Bergermann


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