Das Wort

Wenn das Volk sich eine Wand baut, übertünchen sie dieselbe mit Kalk.
So sprich zu den Tünchern, die mit Kalk tünchen: Die Wand wird einfallen!
Hes. 13,10 f.


Liebe Gemeinde,
der neue Roman des amerikanischen Krimiautors Don Winslow mit dem Namen „Jahre des Jägers“ ist harte und schwere Kost.
Erzählt wird die Geschichte von Art Keller, einem ehemaligen Agenten der amerikanischen Drogenbehörde DEA. Er führt seit den 80er Jahren einen aussichtslosen Kampf gegen die Drogenkartelle Mexikos. Auch Donald Trump macht sich das Thema gern zu eigen: Den Drogenschmuggel über die Grenze hinein in die USA will er durch den Bau seiner Mauer genau so unterbinden, wie die illegale Immigration.

Don Winslow hat nicht nur die lange Geschichte des Drogenkrieges gut recherchiert, sondern hat freilich auch die Abschottungsbemühungen des US-Präsidenten im Hinterkopf. Und so eröffnet Winslow seinen Roman bemerkenswerterweise mit einem Zitat aus dem Buch des Propheten Hesekiel, das wie für unsere Zeit geschrieben scheint: „Wenn das Volk sich eine Wand baut, übertünchen sie dieselbe mit Kalk. So sprich zu den Tünchern, die mit Kalk tünchen: Die Wand wird einfallen (Ez 13,10f.)!“

Hesekiel predigte gegen die falschen Propheten seiner Zeit. Propheten, die dem Volk Lügen erzählten und sie damit verführten. Von Frieden sprachen sie, wo keiner war. Für das Volk Israels waren es damals vor so vielen Jahrhunderten konfliktreiche Zeiten, die Sehnsucht nach Stabilität und Sicherheit war groß. Was konnte dies besser ausdrücken als das Bild einer festen Wand, die abschottet? Die falschen Propheten sind in diesem Sinnbild nicht diejenigen, welche die Mauer errichten, sondern das Volk. Aber sie hatten dem Volk die Gedanken in den Kopf gesetzt, dass solch eine Wand zur Friedenssicherung, zur eigenen Sicherheit, nötig ist. Die falschen Propheten tünchen daher auch diese Mauer weiß: Sie heißen sie gut, befürworten die Abschottung und Isolierung.

Doch Gottes Wort steht dieser Wand entgegen. Gott selbst will die Naturgewalten gegen diese Wand aufbringen, damit nicht nur der Anstrich abbröckelt, sondern gleich die ganze Wand einstürzt.

Nicht alle lässt dieses Prophetenwort Hesekiels an die Mauer zwischen Mexiko und den USA, die Trump errichten will, denken. Sondern auch an die Mauern und Wände, die wir uns so gern errichten, weil sie Geborgenheit, Rückzug und Frieden versprechen: Eine hohe Hecke zum Nachbargrundstück, damit man sich in Ruhe sonnen kann; aber eben auch geschlossene Grenzen in Europa gegen Flüchtende.

Doch Mauern und Wände bauen wir vor allem in unseren Herzen und Köpfen. Manchmal aus gutem Grund, wenn man Wertvolles aus seinen Erinnerungen einhegen möchte, bewahren möchte. Aber andere Wände stehen auch zwischen uns: Mauern des Schweigens zwischen Ehepartnern oder zerstrittenen Geschwistern; Mauern der Vorurteile gegen uns fremde Menschen. Mauern der eigenen Unsicherheit, hinter denen wir verwundbare Stellen unserer Seele verbergen. Mauern des Verdrängens, anstatt seelische Verletzungen anderen mitzuteilen. All diese Wände errichten wir so gern um der Sicherheit und des scheinbaren Friedens willens.

Gott aber verkündet seinem Volk und uns durch seinen Propheten: Redet euch die Mauern nicht schön, tüncht sie gar nicht erst weiß. Denn ich werde sie zu Fall bringen. Keine Mauer, die ihr zwischen Ländern und Menschen, Herzen und Köpfen errichtet, werde ich stehen lassen. Die einzige Sicherheit und Geborgenheit im Leben findet ihr bei mir. Und wer so einen festen Stand bei Gott hat, der kann auch Mauern zwischen Menschen einreißen, statt sie weiß zu tünchen.



Dr. Marc Bergermann


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