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Das Wort

Liebe Gemeinde,

dies ist mein letzter Gemeindebriefbeitrag, den ich als Pfarrer im Probedienst hier an der Petrikirche in Minden an Sie richte.
Ab dem 1. September wird meine Reise weitergehen, wenn ich dann meinen Pfarrdienst in der ev.-reformierten Kirchengemeinde in Bückeburg und Stadthagen, also „nebenan“ im niedersächsischen Lande, antrete.
Seit meiner Ankunft hier in Minden im Oktober 2015 haben Sie mich begleitet. Und auch ich durfte immer wieder, in schönen, aber auch in schweren Momenten Ihre und Eure Begleitung sein. Gemeinsam feiern, gemeinsam trauern, lachen und weinen, grübeln über die Kirchengeschichte, die Seele baumeln lassen bei einem Spiele- oder Grillabend. Petri ist mir so zum sicheren Heimathafen geworden.
Dabei hat die Zeit bei Petri mich verändert. Niemals hätte ich mir, frisch von der Universität aus der großen Stadt Berlin gekommen, zu träumen gewagt, dass mir die Jugendarbeit so viel bedeuten und geben würde - und dann fand ich mich doch immer wieder am Sonntagabend inmitten unseres Jugendkreises zwischen knisternden Chipstüten und wilden Gesprächen über Gott und die Welt wieder oder alljährlich unter Deck eines Segelschiffs gedrängt, wenn wir mit den Ju-gendlichen in See stachen. Und trotz allem konnte ich weiterhin meiner Leidenschaft für die Kirchengeschichte nachgehen und meine Doktorarbeit dank Ihrer aller Fürbitten und Ihres Verständnisses endlich zum Abschluss bringen.
Verändert haben Sie alle mich auch insofern, als dass Sie mir gezeigt haben: Kirche hat nicht nur Geschichte, Kirche hat vor allem Zukunft, allen gegenteiligen Statistiken und Behauptungen zum Trotz. Nicht nur denke ich dabei an unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden und unsere Jugendlichen, sondern auch an viele einzelne Gespräche, die ich im Laufe der Jahre mit Menschen unterschiedlichen Alters geführt habe. Menschen, die mitdenken und sich fragen, wie es mit Kirche weitergehen kann, Menschen, die bereit sind, im Vertrauen auf Gottes Führung den Spagat zwischen Traditionsbewusstsein und Zukunftsaussicht zu wagen. Letztlich ist das ein Spagat, den wir nicht nur als Gemeinde immer wieder zu leisten haben werden, sondern der das Leben jedes Einzelnen von uns bestimmt. Wo komme ich her? Wo will und werde ich hingehen? Welchen Anteil an meiner Gegenwart hat meine Vergangenheit, welche Rolle spielt für mich die Zukunft? Manche von uns blicken zurück auf einen reichen Fundus an persönlicher Geschichte und Weltgeschichte. Manch andere sehen vor sich das weite Feld der persönlichen Möglichkeiten und der Zukunft der Welt. Beides miteinander für sich in stimmigen Einklang zu bringen, während sich der Lebensweg vollzieht, das ist eine Herausforderung.
Immer wieder wird sich hier etwas verschieben, aus dem Blick in die Zukunft eine Erfahrung der Vergangenheit neu bewertet werden; aus der Vergangenheit Zukünftiges überdacht werden. Erst vor kurzem holte mich so meine eigene Jugendzeit ein: Ein Teilnehmer des Jugendkreises, der begeistert Schlagzeug spielt, erinnerte mich an eine Rockband, die ich mit 16 Jahren unheimlich gern hörte. Wütende Musik war das. Ich hörte mal wieder herein und entgegen meiner Sorge, das nun völlig peinlich zu finden, stellte ich fest, dass das auch einen Teil von mir wiedergibt, der zu mir gehört - als Teil meiner Geschichte, als Teil meiner Identität. Zwar höre ich als Geigenspieler auch gern Vivaldi oder als Amerikatourist Jonny Cash, aber der Jugendliche erinnerte mich so daran, wo ich herkomme, was mich geprägt hat und was mich wiederum mit ihm heute, da er im gleichen Alter ist wie ich damals, verbindet. Er erinnerte mich so aber auch daran, dass nicht nur diplomatisches und ausgleichendes Handeln Zukunft formt, sondern auch klare Worte, Ansagen, Forderungen. Nicht nur die leisen Töne, sondern die lauten Schreie. Wie derer, die freitags für die Zukunft protestieren. Egal ob es Menschen sind, die auf eine lange Geschichte zurückblicken oder in eine weite Zukunft schauen – oder beides miteinander verbinden.
Wir als Gemeinde, als Kirche mögen zu den „Fridays for Future“-Streiks unterschiedlicher Meinung sein. Ich konnte ehrlich gesagt lange Zeit damit auch wenig anfangen. Aber wir sollten nicht gleichgültig gegenüber der Zukunft sein. Weder der unserer Gemeinde und damit Kirche, noch der der Welt und Umwelt.
Gott, unser Schöpfer, hat uns das unter den Lebewesen dieser Erde wohl einmalige Bewusstsein nicht nur für die Vergangenheit, sondern insbesondere für die Zukunft gegeben und damit nicht nur passive Gleichgültigkeit oder Furcht gegenüber der Zukunft, sondern Verantwortung für diese. In unserem eigenen Leben, unserer Gesellschaft, unserer Umwelt.

Ich wünsche Ihnen und Euch, dass die reformierte Petrigemeinde nicht nur der sichere Heimathafen in der Gegenwart bleibt – sondern auch Ausgangspunkt für laute, mutige und verantwortungsbewusste Reisen in die Zukunft unter Gottes Geleit und Segen!
Ihr Dr. Marc Bergermann